Wieder einmal haben wir es geschafft, in größerer Anzahl den Weg ins Stadion zu finden. Dank einer erfolgreichen Gewinnspielteilnahme, die sich auf mehrere Tribünen verteilte, hatten wir diesmal quasi die Rundum-Perspektive gebucht. 360 Grad BVB, sozusagen. Auf dem Programm stand die Pokalnacht gegen Werder Bremen, mit denen wir bekanntlich noch eine 18-tägige Rechnung offen hatten. Dass dieser Abend einiges zu bieten haben würde, zeichnete sich bereits vor dem Anpfiff ab. Die Pyro-Show beider Fanlager war durchaus sehenswert und verwandelte das Stadion in ein feuriges Lichtermeer aus Rot und dichtem Nebel. So dicht, dass selbst der Schiedsrichter offenbar erst einmal sicherstellen musste, dass das Spielfeld noch vorhanden war. Der Anpfiff verzögerte sich jedenfalls um einige Minuten.
Dann ging es endlich los. Anpfiff! Die Stimmung war schon jetzt hervorragend und das Stadion machte ordentlich Betrieb. Der BVB wurde lautstark nach vorne gepeitscht – und offenbar hatte die Mannschaft zugehört. Bereits nach sechs Minuten flankte Maxi Beier den Ball in den Strafraum, Ryerson ließ clever abprallen und Guirassy verwandelte aus kürzester Distanz eiskalt zum 1:0. Ein Auftakt nach Maß. Und weil es gerade so schön lief, legte der BVB direkt nach. In der 17. Minute war es Chukwuemeka, der den Ball zum 2:0 im Netz unterbrachte. Zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung bestens und die allgemeine Erwartungshaltung ziemlich eindeutig: Das Ding holen wir uns heute!
Allerdings schien sich der BVB nach der frühen Führung zu denken, dass man es mit dem Arbeitseifer auch nicht übertreiben müsse. Das Spiel plätscherte zunehmend vor sich hin und bis zur Halbzeit passierte auf beiden Seiten nicht mehr allzu viel. Man könnte sagen: Dortmund verwaltete, Bremen schaute zu und wir genossen die Ruhe vor dem Sturm. Rückblickend vielleicht etwas zu sehr.
Denn nach der Halbzeitpause hatte offenbar jemand die Spielrichtung neu eingestellt. Das Spiel drehte sich um 180 Grad und Bremen kam deutlich wacher aus der Kabine. Der BVB geriet zunehmend ins Schwimmen und spätestens mit der Einwechslung von Füllkrug war klar: Jetzt wird es unangenehm. Schließlich hatte der Ex-Dortmunder in den vergangenen Wochen bereits mehrfach bewiesen, dass er gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber noch eine ganz besondere Form von Motivation entwickelt.
Und tatsächlich: Erst verwandelte er einen Foulelfmeter, anschließend legte er mit einem starken Solo nach. 2:2. Die Bremer waren zurück im Spiel und wir durften uns plötzlich wieder mit der Frage beschäftigen, warum man sich eigentlich freiwillig solche Abende antut.
Kovac reagierte mit mehreren Wechseln. Sabitzer, Silva, Svensson und Nwaneri kamen ins Spiel und brachten tatsächlich neuen Schwung. Der BVB wurde wieder dominanter und drückte auf die Entscheidung. Doch bis zur regulären Spielzeit wollte auf keiner Seite mehr ein Treffer fallen. Es ging in die Nachspielzeit. Drei Minuten. Drei Minuten, in denen sich noch einmal alles entscheiden sollte.
Dortmund warf jetzt alles nach vorne und wollte diesen Sieg unbedingt. Und dann kam sie: die 93. Minute.
Freistoß kurz außerhalb des Sechzehners. Eigentlich war die Sache bereits besprochen: Svensson sollte den Ball mit links vom Tor weg in den Strafraum bringen, damit sich ein Mitspieler per Kopf versuchen konnte. Ein solider Plan. Einer, der allerdings ohne die spontane Intervention von Trainer Kovac und Marcel Sabitzer gemacht worden war.
Von außen kam nämlich plötzlich die Ansage: „Sabi, schieß bitte!“
DFB-Pokal, 2. Runde
Sonntag | 27.09.2026 | 20:45 Uhr
Und Sabitzer schoss.
Über die Mauer, ins kurze Eck. Mit ordentlich Effet, Gefühl und einer Präzision, die man sich vorher höchstens hätte wünschen können. Der Ball schlug ein – unhaltbar!
Was dann folgte, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Das Stadion explodierte förmlich. Ein Jubel, wie man ihn seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. 180 Dezibel wären vermutlich eine realistische Messung gewesen, sofern zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch irgendein Messgerät funktioniert hätte. Es wurde geschrien, gesprungen, umarmt und vermutlich auch das eine oder andere Getränk unfreiwillig in die Umlaufbahn befördert. Manch ein Fan hat seine Stimme bis heute nicht wiedergefunden. Andere suchen wahrscheinlich noch immer nach ihrem Puls.
Und so wurde aus einem vermeintlich souveränen Pokalabend zwischenzeitlich ein emotionaler Belastungstest, der am Ende mit einem absoluten Traumfinale belohnt wurde.
Es war das perfekte Pokalspiel.














